fbpx

Liebesbrief an meine Mutter: Danke, dass du nie aufgegeben hast [offener Brief]

© Shari Hosseini / 2GLORY
Shari Hosseini
Shari Hosseini
10.05.2020

Das hier ist ein Liebesbrief an meine Mutter. Die erste und auch meist die prägendste Beziehung ist die Mutterbindung. Eine Verbindung, die ungeahnte Kräfte freisetzen kann. Eine Kraft, die sich zwischen Zerstörung und Schöpfung bewegen kann und definitiv kein Mythos ist. 

Komischerweise muss ich bei dieser Überschrift an Kafkas „Brief an den Vater“ denken. Er schrieb vor 100 Jahren einen handschriftlichen Brief von über 100 Seiten, den er seinem Vater nie gab. Hauptsächlich ging es um tiefgreifende Vater-Sohn-Konflikte. Wikipedia schreibt: „Kafka hat sein ewiges Vater-Sohn-Thema in der formalen Logik der juristischen Rede und den Techniken der Literatur beleuchtet und dabei eine Art Lebensanalyse für sich erstellt. Ihre Hauptelemente sind Angst und Kampf“. Ich bleibe bei dem Wort ‚Lebensanalyse‘ hängen. Ein Wort, dass immer den Ursprung im Schoß der Mutter findet. 

Maman, Mutti, Mama, Mami, Mom, Mutter, Frau Khavari — Ich habe viele Rufnamen für dich und je nach Stimmung und Laune und Lebensphase habe ich dich gerufen. Mutti und Mutter nenne ich dich immer, wenn ich gut drauf bin. Als Iranerin sind das schon sehr deutsche Rufnamen, d.h. dass ich dann unmittelbar mit dir Deutsch spreche. Dabei ist dein Deutsch eigentlich nicht gut. Es wird auch nicht wirklich besser, seitdem du iranisches Satelliten-Fernsehen für dich entdeckt hast. Als du vor über 30 Jahren schwanger mit mir warst und fliehen musstest, hast du dich wahrscheinlich innerlich geweigert, ganz unbewusst, die Sprache zu erlernen. Du hattest ganz lange die Hoffnung, dass du irgendwann mal in dein Heimatland zurückkehrst. Zu deinen Eltern und Geschwistern. Noch wusstest du nicht, dass du dein restliches Leben hier verbringen wirst. Noch wusstest du nicht, dass es das letzte Mal war, dass du deinen Vater vor der Flucht gesehen hast. Noch wusstest du nicht, dass du auch deinen Mann, mit dem du 36 Jahre verheiratet warst, auch in diesem, dir fremden Land begraben wirst. Ein Mann, der dir viel Kummer bereitet hat, den du aber aus Liebe zu deinen Kindern nicht verlassen hast. Diese Liebe klingt im ersten Moment sehr kitschig, aber sie war überlebenswichtig, denn wie solltest du in einem fremden Land mit drei Kindern ohne Geld und Arbeit Fuß fassen? Damals gab es die Volkshochschule, die dir und anderen privilegierten Ausländern in dem kleinen Dorf Schloß Holte Deutsch beigebracht haben. Diszipliniert und ehrgeizig warst du beim Erlernen der Sprache nicht. 

Meisterin im Basteln: Ohne dich wäre die neue Heimat fremd geblieben

Mami habe ich dich immer als kleines Kind gerufen. „Maaaaami, feeeeertig, abputzen“. Ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück, du warst so unglaublich fürsorglich und hast dich deiner neuen Umgebung so sehr angepasst, dass du auch beim Weihnachts-Basteln in der Grundschule den ganzen Alman-Kram mitgemacht hast. Ich erinnere mich gut, wie ich als 7‑jährige überrascht war, dass du so schöne Weihnachtsmänner bastelst. Als Flüchtlingskind hat man nämlich andere Herausforderungen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich als Übersetzer handeln und dir helfen muss, somit ginge ich davon aus, dass du nicht nur anders sprichst, schreibst und kochst als die anderen Eltern, sondern vielleicht auch anders bastelst. Dabei warst du die Meisterin im Basteln: Du hast aus einem Nichts ein warmes Zuhause geschaffen. Oft erzählst du mir, wie du hochschwanger und hungrig durch West-Berlin gelaufen bist und nur 2DM in der Tasche hattest und irgendwie es geschafft hast, dann zwei Kinder und deinen Mann satt zu kriegen. Du erzählst auch oft, wie du im Asylanten-Heim von Schloß Holte einen Teppich auf der Straße gefunden hast und beim Schrubben Angst hattest dein Ungeborenes, also mich, zu verlieren. 

Ich war elf, als ich meine Kindheit aufgeben musste

Mom war der Rufname dann in meinen Teenager-Jahren, in denen MTV und VIVA bestimmt haben, was cool ist und was nicht. Von Kurt Cobain bis Britney Spears, meine pubertierenden Gefühle fanden ihren Ausdruck in der Musik. Mit 13 habe ich dann eine Wand in meinem Zimmer blutrot gestrichen, Grabkerzen aufgestellt und über mein Bett ein Poster von Ville Valo, dem Sänger der Goth-Band HIM aufgehängt. Jede muslimische Mutter hätte sich ziemlich deutlich darüber beklagt, aber du hattest nicht wirklich den Kopf dafür, denn du wurdest unheilbar krank. Als ich elf war haben wir gerade so noch den Herzinfarkt von Papa überstanden und uns seinen neuen Umständen angepasst. Plötzlich hattest du unerklärliche Symptome: Ein halbes Jahr später erklärte die Uniklinik Münster, dass du Pemphigus Vulgaris hast, eine seltene Autoimmun-Erkrankung. Rückblickend war das die Zeit, in der ich ein Stück meiner Kindheit aufgeben musste

Maman oder Mamanjoon ist die persische Übersetzung von ‚Mama‘. Als Jugendliche habe ich es nicht verstanden und wusste auch nicht, wie ich diese zwei Kulturen vereinen sollte. Migranten-Kinder oder eben Kinder, die mit zwei sehr unterschiedlichen Kulturen aufwachsen, haben oft andere Formen der Identitätskrisen. Das Bewusstsein dafür gab und gibt es auch immer noch nicht wirklich. Ich bin jedoch sehr froh, dass ich mit Anfang 20 dann einen Weg für mich gefunden habe, meine persische Identität nicht mehr abzulehnen, sondern wertzuschätzen. Ich habe verstanden, dass die ständige Diskriminierung von außen, und ja damit meine ich auch alle Formen von Rassismus, mich nicht entmutigen sollte meine Herkunfts-Kultur zu leben und zu fühlen. Heute kann ich mich gegen Rassismus einsetzen, du hattest leider nie die Mittel dafür. Du musstest es immer ertragen, dass die Leute dich für dumm halten, wenn sie dann plötzlich lauter und schlechter mit dir sprechen. Du bliebst ruhig, wenn der Schaffner ganz laut zu dir sagte „Nix diese Station! Nächste Station du musst aussteigen!“. 

Aus Mitleid wurde Mitgefühl

Frau Khavari nenne ich dich schon seit ein paar Jahren. Ich fühle mich dir näher denn je, was wohl damit zu tun hat, dass ich stärker auf unsere Beziehung eingehe. Ich sehe dich deutlicher und mein Mitleid wurde zum Mitgefühl. Wenn du wieder starke Schmerzen hast, dann tröste ich dich als Erwachsene und nicht mehr als das Kind, das eigentlich selber von der Mutter getröstet werden möchte. Ich bin so unglaublich beeindruckt und stolz auf dich, wenn ich mir deine Lebensgeschichte anschaue. Du hast so viel Leid erlebt und lächelst mich trotzdem jeden Tag an. Du hast nie aufgegeben, auch wenn du alle Gründe dafür hattest. Du hast dich während des Iran-Irak-Kriegs in Luftschutzbunkern verstecken müssen, du bist schwanger und mit zwei Kindern über viele Grenzen während der islamischen Revolution geflohen, du hast Fehlgeburten und Todesfälle deiner Familie im Exil erlebt, und auch deiner unheilbare Krankheit und der steigende Grad deiner Behinderung begegnest du jeden Tag wieder. 

Ich werde dir diesen Brief nicht geben oder vorlesen, weil du die Hälfte nicht verstehst und mein persisch nicht ausreicht um es richtig zu übersetzen, aber es macht nichts. Nachdem Papa die Diagnose Krebs bekam, habe ich mir immer fest vorgenommen allen Menschen, die ich liebe, auch meine Liebe zu sagen und zu zeigen. Ich sage dir jeden Tag, dass ich dich liebe. Ich zeige dir jeden Tag, dass ich immer für dich da bin. Jedes Mal, wenn wir im Krankenhaus um deine Gesundheit und leider auch manchmal um dein Leben bangten, habe ich dir gezeigt, dass ich alles für dich tun würde. Leider war ich auch oft sauer auf dich bzw. deine Schicksalsschläge, denn meine Bedürfnisse kamen oft zu kurz. Die treibende Kraft von pflegenden Angehörigen ist nämlich nicht immer nur Liebe, sondern auch Verlustangst. Eine Angst, die sich nicht immer kontrollieren lässt. Aber ich würde behaupten, dass ich verstanden habe damit umzugehen.

Ich begebe mich weniger in Opposition zu dir und lerne die Dinge zu schätzen, die ich von dir (übernommen) habe. Deine Geduld, dein Weitblick, deine Ausdauer und auch dein Kampfgeist hast du deinen Kindern weitergegeben.  Dafür möchte ich dir von Herzen danken Mamanjoon.

Passend zum Thema