Meine Schwester half meiner Mutter in der Not und wurde gekündigt

Apotheke Bielefeld
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Shari Hosseini
Shari Hosseini
24.12.2017

Dies ist die Geschichte meiner Schwester, die meiner Mutter in der Not half, doch alles, was sie dafür bekam, war eine Kündigung. Ist das überall so oder nur in einer Apotheke in der Bielefelder Altstadt?

Mitgefühl, Verständnis und Empathie gehören für mich und meinem privaten Umfeld zur Basis der Kommunikation und der Freundschaft. Ganz besonders in schweren Zeiten ist jede Form der emotionalen Unterstützung viel wert. Doch in der Situation meiner Schwester, einer Pharmazeutisch-technischen Assistentin (kurz PTA) haben wir etwas ganz anderes erlebt. Doch erst einmal zur Vorgeschichte:

Meine Mutter leidet seit 20 Jahren an Pemphigus Vulgaris, einer Autoimmun-Erkrankung. Lange Krankenhaus-Aufenthalte, viele starke Medikamente (Kortison und Co.), weitere schlimme Folge-Erkrankungen, schlaflose Nächte durch starke Schmerzen und eine gehörige Portion Trauer sind Teil des Familien-Alltags geworden. Es sind aber nicht nur die Kranken betroffen, auch die Angehörigen sind einer ständigen Dauer- bzw. Doppel-Belastung ausgesetzt. Ganz besonders meine Schwester Shirin, die den größten Teil der Pflege meiner Mutter übernimmt, balanciert zwischen Fürsorge und ihrem eigenen Wohl.

Was heißt eigentlich Pflege? Es bedeutet nicht nur meiner Mutter im Alltag zu helfen, es bedeutet auch sie zu den ganzen Ärzten zu fahren und alles zu organisieren. Es hat gefühlte Jahre gedauert, bis meine Mutter ihren Schwerbehinderten-Ausweis bekam. Das deutsche Gesundheitssystem macht es Kranken definitiv nicht einfach, denn hinter jedem Symptom steckt mindestens ein Blatt Papier Bürokratie.

Starke Schmerzen. Was nun?

Vor zwei Wochen genau hatte meine Mutter starke Bauchschmerzen, bedingt durch einen Nabelbruch. Man muss dazu wissen, dass so ein Nabelbruch tödlich enden kann, somit handelte meine Schwester Shirin genau richtig und brachte sie ins Krankenhaus. (Ich selbst war nicht vor Ort, da ich in Hamburg lebe.) Meine Mutter bekam sofort Morphin, damit die starken Schmerzen und ihre Tränen kurz mal nachlassen. Auch ich machte mich sofort los ins Bielefelder Krankenhaus, als ich davon erfuhr. Durch die Vorerkrankungen / Medikamente meiner Mutter und ihr Alter (67) ist aber jede OP ein Risikoeingriff. Somit standen wir als Familie vor der Wahl: Wird sie nicht operiert, kann sie durch die Einklemmung des Darms sterben. Wird sie operiert, kann sie eventuell die OP nicht überstehen.

Die Rosenhöhe-Klinik konnte uns leider nicht helfen. Ganz im Gegenteil. Als die Internistin abends den diensthabenden Chirurgen zur Hilfe rief, sagte dieser nur wortwörtlich, vor allen, zur Ärztin „Ist mir scheiß egal was ihr macht, aber ich nehme sie nicht auf“. Gut, haben wir das also auch geklärt: Das Risiko ist denen zu hoch. Daraufhin setzte sich Shirin dafür ein, unsere Mutter in die Uni-Klinik Münster zu verlegen, da das Bielefelder Krankenhaus sie nach Hause entlassen wollte. In Münster und in Uni-Kliniken generell gibt es einfach mehr Therapie-Möglichkeiten, mehr Fachärzte und vielleicht auch mehr Mut, wenn es um Risiko-Patienten geht.

Währenddessen schrieb Shirin ihrer Chefin Dr. Ute P. (Anm. d. Red.: Name wurde geändert) und erklärte ihr die Situation. Zunächst reagierte diese mitfühlend und stellte sie für die Woche frei. Große Erleichterung kehrte bei meiner Schwester ein. 2012 haben wir bereits unseren Vater verloren und da Shirin damals noch versuchte ihn zu reanimieren, ist ihr Trauma durch die Situation unserer Mutter wieder voll entflammt.

In Münster angekommen, reagierten die Ärzte sofort: „So lassen wir sie nicht nach Hause, das ist lebensgefährlich!“ Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Was passiert jetzt? Wer operiert sie? Wir müssen doch vorher eigentlich die Medikamente richtig einstellen und alle Organe kontrollieren? Doch die Zeit für solche Fragen war nicht da. Keine zwei Stunden später wurde unsere Mutter direkt in den OP gebracht. Shirin brach zusammen. Also saß ich da mit einer weinenden Schwester und der riesig großen Angst, vor dem, was passieren kann. Ich versuchte ihr Mut zuzusprechen, aber auch ich selbst konnte schon bald kaum klar denken vor Angst. Nach drei Stunden kam der erleichternde Anruf aus dem OP: Mama hat die OP überstanden. Jetzt ist die Heilungsphase wichtig.

Psychisch labil: Trotzdem arbeitsfähig?

Meiner Schwester ging es jedoch nicht wirklich besser und ich begann, mir ernste Sorgen zu machen. Sie hatte parallel noch eine kleine Grippe und war durch ihren Nervenzusammenbruch einfach nur schwach. Auch Panikattacken kündigten sich bei ihr an. Ich sprach mit ihrem Hausarzt, der sie direkt krank schrieb. Alles ziemlich nachvollziehbar, wenn man solchen extremen Belastungen ausgesetzt ist. Ich selbst balancierte zwischen der Nachsorge unserer Mutter und der Fürsoge für Shirin. Doch die Bielefelder Apotheke sah das anders. Shirin bekam ständig Nachrichten von ihrer Chefin Ute P. und ihren Kolleginnen : „Jeder geht mal durch eine Krise … Das Beste wäre, wenn du arbeitest … Das würde deine Mutter auch wollen.“

Doch so einfach, wie sich die Kolleginnen das vorstellten, war die Situation nun einmal nicht: Shirin sah sich nicht dazu in der Lage, Medikamente zu verkaufen und bot daraufhin ihren Urlaub für die kommende Zeit an, um nicht eine weitere Krankmeldung einreichen zu müssen. Daraufhin unterstellte man ihr böse Absichten, sie sei „unkollegial und verantwortungslos“. Als ich direkt versuchte, die Chefin anzurufen, um dieser am Telefon den gesundheitlichen Zustand meiner Schwester zu erklären, ging sie nicht ran, drückte Folge-Anrufe weg und beantwortete keine SMS. Warum ging sie mir aus dem Weg, wenn ich doch vermitteln und helfen will? Stattdessen schrieb sie meiner Schwester eine Kündigung. Sieben Tage nach Nachrichten wie „Kann ich was für dich tun?“, kündigte sie Shirin ohne Vorgespräch oder einer offiziellen Mahnungen.

Ich war geschockt, nein, ich bin es immer noch! Niemals hätte ich gedacht, dass ausgerechnet eine Apothekerin sich gegenüber einer Angestellten, die unvorhersehbar labil wurde, so verhält. Mir geht es hierbei nicht um Faktoren wie Arbeitsrecht (sie war kurz vor dem Ende ihrer Probezeit, rechtlich ist diese Kündigung wirksam) oder das ökonomische Allgemeinbefinden, sondern um Menschlichkeit. Wieso hat die Chefin, die zuvor ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, den Hörer abgenommen? Von einer renommierten Apotheke in der Bielefelder Altstadt, die es schon seit Jahrhunderten gibt, hätte ich mehr Empathie und Verständnis für humanitäre Hilfe erwartet.

Shirins Kopf ist seitdem voller Fragen: ‚Wie kann das sein? Nur weil ein Mitarbeiter kurz vor Weihnachten ausfällt, kündigt man ihm?‚. Ein Gefühl der Wertlosigkeit und auch Sorge machte sich bei ihr breit. Sie fragte mich die ganze Zeit: „Hab ich was falsch gemacht?“. Es brach mir das Herz sie so zu sehen. Psychische Erkrankungen sind ernstzunehmende Krankheiten und nicht in Szene gesetzte Ausreden. Nur weil die Symptome für Außenstehende nicht so greifbar sind, heißt es noch lange nicht, dass der Leidensdruck nicht groß ist. Meine Antwort an Shirin war ziemlich eindeutig: „Nein, jeder darf mal schwach sein. Du hast nichts falsch gemacht. Lasse niemals zu, dass jemand anderes deinen Wert bestimmt“. Ich bin ihr einfach nur so dankbar, dass sie schnell gehandelt hat und sich für unsere Mutter so einsetzt. Und wie heißt es so schön? „Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.

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