Ebbis Einwurf zu den Pressestimmen: Die „Jetzt werden wir Weltmeister”-Kommentare sind fehl am Platz

Pressestimmen
© picture alliance / Pressefoto Ulmer

Was war schlimmer mitanzusehen als die ersten drei Halbzeiten der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018? Viele der  deutschen Pressestimmen nach dem Last-Last-Last-Minute-Treffer von Toni Kroos gegen Schweden. Das zumindest meint 2GLORY-Redakteur Dennis Ebbecke, der in seiner Kolumne „Ebbis Einwurf” mit den teils überheblichen, respektlosen und sprunghaften Kommentaren der Pressezunft hart ins Gericht geht.

Die starke Anfangsphase, der blutende Sebastian Rudy, der Fast-Elfmeter für Schweden nach dem Boateng-Foul, das überraschende Gegentor, die Auferstehung zu Beginn der zweiten Halbzeit, der Boateng-Platzverweis … und die Kroos-Erlösung in der sechsten (!) Minute der Nachspielzeit: Der 2:1‑Sieg der Löw-Elf im zweiten WM-Gruppenspiel war ohne Frage ein Wechselbad der Gefühle. Aus diesem Grund ist es nachvollziehbar, dass unmittelbar nach dem Abpfiff auch die Medien emotional reagierten und sich in ihren Kommentaren dem Auf und Ab auf dem Platz anpassten.

Euer Ernst? „Jetzt ist für Joachim Löws Team alles möglich — bis hin zum WM-Sieg”

Aber: Mir ist die Berichterstattung in Bezug auf den amtierenden Weltmeister Deutschland bei diesem Turnier zu sprunghaft. Viele Kommentare und Pressestimmen zielen an der Realität vorbei. In der Halbzeit beim Stande von 0:1 gegen Schweden wurde zum Teil darüber spekuliert, ob sich Joachim Löw nach dem Spiel wohl einen neuen Job suchen müsse. Nur eine knappe Stunde später versuchten sich die Portale gegenseitig zu übertrumpfen, ohne dabei zu merken, dass fast jeder in dasselbe Horn blies. „Wer solche Spiele gewinnt, kann bei dieser WM noch Großes erreichen”, freute sich etwa BILD-Sportchef Matthias Brügemann. Und auch die Focus-Redakteure scheinen bereits ein Hotelzimmer für den 15. Juli (Tag des Endspiels) in Moskau gebucht zu haben. „Jetzt ist für Joachim Löws Team alles möglich – bis hin zum WM-Sieg”, lautet ihre Prognose.

Natürlich sind diese Pressestimmen inhaltlich nicht komplett an den Haaren herbeigezogen — ein solcher Sieg kann Kräfte freisetzen. Doch darum geht es überhaupt nicht! Es geht darum, endlich vom hohen deutschen (Weltmeister-)Ross herunterzukommen. Vor dem WM-Start stellte niemand ernsthaft in Frage, ob wir die Gruppe mit den vermeintlichen Außenseitern Mexiko, Schweden und Südkorea überstehen würden. Spannend erschien lediglich die Frage, welche Gegner uns ab dem Achtelfinale auf dem Weg zur Titelverteidigung im Weg stehen könnten.

Überhebliche Pressestimmen: Wo bleibt der Respekt vor unseren Gegnern?

Es stimmt: Deutschland scheiterte in der WM-Historie noch nie in der Gruppenphase. Nahezu niemand (einschließlich meiner Wenigkeit) rechnete damit, dass es so eng werden würde. Doch wer daraus nach den ersten zwei Auftritten nicht gelernt hat, macht einen Fehler. Diese Spiele waren ein Schuss vor den Bug — für Joachim Löw, die Spieler, die Fans und die Medien. Es ist das falsche Zeichen, innerhalb von gut 45 Minuten das Tal der Tränen zu verlassen und sich selbst auf den Thron zu hieven. Ohne den einen „kroosartigen” Geniestreich in der allerletzten Sekunde wären die schwarz-rot-goldenen Farben in der K.o.-Phase zu 90 Prozent nicht mehr vertreten gewesen.

Weitere „Ebbis Einwürfe”: Hier lesen!

Und noch entscheidender: Wo bleibt der Respekt vor unserem nächsten Gegner? Deutschland hat schließlich noch Südkorea vor der Brust und muss dieses Spiel gewinnen, um überhaupt die K.o.-Phase erreichen zu können. Auch wenn die Asiaten ihre beiden bisherigen Spiele verloren haben: Es ist überheblich und gehört sich nicht, jetzt schon über den Titel zu sprechen. Punkt.

Umso mehr erstaunt es mich, dass sich unter die „Jetzt ist für Deutschland sogar der Titel drin”-Kommentare derzeit weitere Kommentare mischen, die das Verhalten einiger Personen aus dem deutschen Betreuerstab gegenüber der schwedischen Bank nach dem Siegtor für unangemessen hielten. Ich frage mich: Wo fängt der Respekt vor dem Gegner an und wo hört er auf? Lasst uns ALLE den Ball flach halten und — trotz all der Emotionen, die zum Fußball gehören — die Gedanken erst einmal sortieren …

Über den Autor

Ebbis Einwurf

Dennis Ebbecke ist seit vielen Jahren als Sport-Redakteur tätig. Inzwischen arbeitet er als freischaffender Journalist, veröffentlicht Artikel, Interviews und Kommentare in diversen Print- und Online-Medien. Als fester Redakteur von 2GLORY präsentiert Ebbecke hier seine Rubrk „Ebbis Einwurf”. Diese widmet sich vor allem sportlichen Ereignissen und Entwicklungen.

„Ebbis Einwurf ist immer als Kommentar zu verstehen, der zum Nachdenken anregen, aber auch polarisieren soll. Ich vertrete hier meine persönliche Meinung, die natürlich auch Gegenmeinungen nach sich ziehen und zu Diskussionen führen darf”, erklärt der Autor dieser Rubrik. Mehr Kommentare? Hier findest du „Ebbis Einwurf” zum Videobeweis und zu Boris Becker.

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