Eisbärbaby in Berlin: Warum Tonjas Tochter keinen Knut-Hype 2.0 braucht!

Eisbärbaby in Berlin
Dennis Ebbecke
16.03.2019

Vor acht Jahren, genauer gesagt am 19. März 2011, verstarb mit Knut eine der größten Zoo-Attraktionen Deutschlands. In erster Linie aber – und das wurde oft vergessen – war der junge Eisbär ein Lebewesen, das sich den ganzen Hype nicht ausgesucht hat. Aktuell freuen wir uns (zurecht) über ein neues noch namenloses Eisbärenbaby in Berlin, das an der Seite von Mama Tonja die ersten Schritte im Außengehege des Berliner Zoos macht. Umso mehr ist nun Vorsicht und Rücksicht geboten!

Er war der Zoo-Promi schlechthin, löste einen nie zuvor dagewesenen Eisbär-Hype in Deutschland aus. Als Knut im Dezember 2006 das Licht der Welt erblickte, ging er als das erste Eisbärenbaby in Berlin seit mehr als 30 Jahren in die Geschichte des hiesigen Zoologischen Gartens ein. jeder tapsige Schritt des kleinen weißen Mannes wurde von der Öffentlichkeit beäugt, das Medienecho war gigantisch. So landete er auf der Titelseite der internationalen Ausgabe der Vanity Fair, sogar diverse Songs wurden ihm gewidmet.

Knut hatte es geschafft: In kürzester Zeit wurde er zu einer Marke. Doch finde den Fehler! Genau: Der kleine Eisbär hatte natürlich nie den Anspruch, ein Zoo-Star zu werden. Nach nur vier Jahren beendete eine Hirnerkrankung das viel zu kurze Leben Knuts. Ob der ganze Wahnsinn um ihn herum den Tod damals begünstigt haben könnte, ist reine Spekulation. Klar ist aber: Anstelle dieses ungewollten Glamour-Lebens hätte er eine artgerechtere Haltung verdient gehabt.

Eisbärbaby in Berlin. Nur gucken, nicht anfassen!

Im Nachhinein ist es immer leicht, Schuldzuweisungen zu machen. Letztlich befindet man sich diesbezüglich auf gefährlichem Terrain. Dies gilt für die Zoo-Verantwortlichen ebenso wie für die Medien. Wer würde nicht sofort in den Zoo rennen und sich die Nase am Gehege platt drücken, wenn es ein neues Tierbaby zu bestaunen gibt? Und auch wir berichten hier (mit großer Freude) über die Geburt von Tonjas Tochter, dem gut dreieinhalb Monate jungen Eisbärbaby in Berlin.

Es geht darum, die Balance zu finden und trotz der nachvollziehbaren Euphorie dem Tier die Chance zu geben, ein nahezu „normales“ Leben führen zu können – sofern das in einem Zoo überhaupt möglich ist. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, dass Tonjas Tochter ein etwaiger Knut-Hype 2.0 erspart bleibt. Nur gucken, nicht anfassen! Dieses Motto gilt – bildlich gesprochen – auch für die Zoobesucher, die in den kommenden Tagen und Wochen scharenweise in den Zoologischen Garten pilgern werden.

Den Spagat zwischen Begeisterung und Distanz finden

Das Interesse an dem noch namenlosen Baby ist verständlich. Die kleine Eisbärin hat dieser Tage ihre ersten Schritte im Außengehege gemacht, nachdem sie von ihrer Mutter zuvor in einer Höhle großgezogen wurde – im Gegensatz  zu Knut, der von Hand und nicht von Mama Tosca aufgezogen wurde, was damals Diskussionen ausgelöst hatte.

Zugegeben: Die Bilder und Videos von der tapsigen Neugeborenen inklusive ihrer ersten Schwimmversuche lassen unsere Herzen aufgehen. Und es gibt noch einen weiteren Grund für das große öffentliche Interesse: Mama Tonja verlor zuvor bereits zwei Kinder – eines starb nach 26 Tagen an einer Lungenentzündung, ein weiteres mit vier Monaten an Leberversagen. Vor diesem Hintergrund sollten bei uns allen die Alarmglocken läuten. Die liebevolle Tonja hat es verdient, endlich für ihre aufopferungsvolle Hingabe belohnt zu werden und ihr Familienglück zu genießen. Es gilt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und den Spagat zwischen Begeisterung und Distanz zu finden. Auch das gehört zur Tierliebe dazu.

Darauf hinzuweisen, ist die Pflicht der Zoo-Verantwortlichen, Pfleger, Eltern und auch der Medien.