Liebe via Dating-Apps: Der Fluch und Segen von Tinder & Co. [Kommentar]

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Sascha Falkner
24.07.2019

Wenn man heutzutage ein Paar fragt, wo sie sich kennengelernt haben, erhält man meist immer die selbe Antwort: „Im Internet.“ Im digitalen Zeitalter ist das Verabreden über Dating-Apps wie etwa Tinder oder Lovoo so einfach wie nie. Singles in der Umgebung sind dank GPS viel greifbarer geworden, die Kontaktaufnahme geht weitaus schneller und unkomplizierter vonstatten – die Motive dahinter sind oftmals jedoch nicht weniger oberflächlich und unmoralisch …

Dating-Apps sind in meinem [Liebes-]Leben selbstverständlich. Sie sind halt einfach da und nach Lust und Laune – oder Langeweile – wird von ihnen regelmäßig Gebrauch gemacht. Klar, es war nicht immer so einfach wie heute. Dank GPS kann man ja quasi sehen, ob der Nachbar gerade Single und auf der Suche nach einem Tête-á-Tête ist. Und es gibt ja von Tinder, Grindr oder Lovoo bis hin zu Parship oder ElitePartner dutzende von Plattformen, über die man sich auf dem Markt „anbieten“ kann – egal ob hetero, schwul, gebildet oder ungebildet, Single oder verpartnert. Letzteres kommt sogar sehr häufig vor. Aber mehr dazu später.

Seit vielen Jahren browse ich durch diverse Apps und schaue mir das Angebot an Singles in meiner Umgebung an. Das ist fast schon so, als schaut man sich den aktuellen Otto-Katalog an und überlegt sich, was bzw. wen man sich denn als nächstes „bestellt“. Im Angebotsüberschuss hat man die Mehrheit leider bereits im Katalog der Vorsaison gesehen, teilweise anprobiert und als Retoure zurückgeschickt. Aber, die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Also ist man als chronischer Single stets guter Dinge, dass der oder die Richtige ja wohl mal irgendwo auf dem Wühltisch zu finden sein muss.

Bequem und ungehemmter Flirten

Wieso ist diese Online-Dating-Mentalität eigentlich so beliebt geworden? Nun, ein Punkt ist wahrscheinlich die Bequemlichkeit. Man muss nicht mehr an den Wochenenden abends in irgendwelchen Clubs „auf die Jagd“ gehen. Das war ja sowieso nie meins. Wenn ich mit meinen Leuten feiern gehe, dann will ich auch Spaß haben und mich nicht mit Partnersuche stressen. Klar, guckt man dann mal durch die Gegend und denkt sich zwischendurch mal „Ja, hallöchen!“. Aber ich würde mir immer noch eher einen Einlauf verpassen lassen, als jemanden im Club anzusprechen.

Flirten und „geblickfickt“ werden ist ja ganz nice – auch für’s Ego. Aber jemanden einfach so ansprechen und bestenfalls zu hoffen, dass man gerade seinen potentiellen Partner für’s Leben gefunden hat? Ne, du! Da muss das Gegenüber dann schon die Initiative ergreifen. Ich blamiere mich doch nicht, indem ich ganz offen mein Interesse oder gar Verzweiflung zeige, um im schlimmsten Fall einen Korb zu kassieren. Und als Homosexueller steht es (den meisten) ja auch nicht auf der Stirn geschrieben, ob sie nun … eventuell … womöglich … unter Umständen. Das kann dann schon mal mehr als peinlich werden.

Mich muss man erobern und beeindrucken! Erklärt vielleicht auch, wieso ich noch auf dem Markt bin. Beim digitalen Partner-Bummel ist das wiederum etwas anders. Da ergreife ich auch mal gerne die Initiative, wenn ich das Gefühl habe, das könnte sich lohnen. Obwohl das mittlerweile auch immer seltener wird. Aber hier kommen wir auch schon zum zweiten Punkt, weshalb Online-Dating so hoch im Kurs liegt. Die Hemmungen sind geringer, da es ja immer noch eine Distanz zwischen beiden Parteien gibt. Man kann sich mit guten Schnappschüssen von seiner besten Seite zeigen und sich so recht schmackhaft präsentieren (von extremer Bildbearbeitung ist jedoch abzuraten – das fliegt spätestens beim ersten Date auf!). Und man läuft auch nicht der Gefahr entgegen, jemanden außerhalb des eigenen sexuellen Beuteschemas anzuschreiben, da man ja all diese wichtigen Details vorab festlegt und somit ausschließlich passende Kandidaten auf dem Radar hat.

Immer wieder die selbe Leier

Klingt doch perfekt, oder? Einfacher kann es doch gar nicht sein. Ganz oberflächlich gehen wir mal die Gesichtsparade durch und wischen nach links und rechts. Wobei links bei mir eine höhere Frequenz aufweist als rechts. Und dann kommt’s zum Match: „XY mag dich!“ heißt es dann. Oh, wie schön. Dann geht das Standardprozedere los. „Hi!“ „Hi!“ „Wie geht’s?“ „Gut und dir?“ „Auch, danke. Was suchst du?“ Und so weiter und so fort. Nach Jahren des Online-Datings ist das wohl das Nervigste an dem Ganzen. Immer wieder die selbe Leier von vorne runterkauen. Da denke ich mir oftmals „Komm zum Punkt! Smalltalk kann man beim ersten Date halten“. Klar, ein wenig das Eis brechen vorab ist nie verkehrt – das sollte aber nicht in wochenlanges hin und her Geschreibe ausarten. Irgendwann ist die Kommunikation schon so ausgelutscht, dass man sich beim Treffen gar nichts mehr zu erzählen hat. Tja, dann geht’s halt schneller bis man „zu dir oder zu mir“ geht.

Für viele ist Online-Dating auf Grund der Einfachheit und der Bequemlichkeit natürlich eine Rettung in der Not. Wie gesagt, niemand läuft mit einem Schild „Mann sucht Mann“ (oder jede andere x-beliebige Kombination) um den Hals durch die Gegend oder klingelt direkt bei dir an der Haustür. Da muss man schon auch was für tun – auch nervige Dinge wie Smalltalk halten und dieselben Fragen gefühlte 50000 Mal beantworten. Aber ich habe auch schon sehr tolle Menschen kennen gelernt … zwar nicht überdurchschnittlich toll, aber für den Augenblick halt toll genug. Es ist immer einen Versuch wert. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, was genau man sucht und möchte.

Will ich was für’s Bett oder für’s Leben?

Damit kommen wir zur Schattenseite des Online-Datings. Apps wie Tinder oder Grindr sind größtenteils nun einmal sehr beliebt für schnelle und unkomplizierte Dates á la „Netflix & Chill“. Kurz: Wenn’s unten juckt, dann muss jemand her, der kratzt. Sex und Online-Dating liegen so nah bei einander wie Essen und Restaurants. Unverbindlicher Casual Sex findet man tagtäglich an jeder Ecke. Und manchmal muss man halt seinen Trieben auch mal nachgehen und diese befriedigen (lassen) – schließlich sind wir ja auch alle nur Menschen. Aber will man das wirklich nur auf Sex reduzieren? Die Mehrheit der Leute, die ich kennen lerne, ist tatsächlich so drauf. Da verliert man schnell die Perspektive – will ich jemanden für’s Leben oder will ich jemanden für’s Bett? Beides zusammen wäre doch eine gute Kombi, oder? Leider scheiden sich da die Ansichten der Dating-Teilnehmer gravierend. Und das macht die virtuelle Partnersuche oftmals zur One-Night-Stand-Falle.

Was ganz wichtig ist: Die Fronten müssen geklärt sein! Willst du nur Spaß? Oder kannst du dir etwas Ernstes vorstellen? Ist das geklärt, dann weiß jeder, woran er ist und es gibt keine herben Enttäuschungen, wenn einer dann plötzlich mehr hineininterpretiert als der andere. Dazu kommt es dann nämlich nicht. Liebe und Sex sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das Eine und das Andere ergänzen sich natürlich wunderbar, aber Sex ist auch ohne Liebe machbar. Hauptsache das Gegenüber ist attraktiv und schon hat man genug Stimuli, um ins Bett zu springen.

Schwul oder hetero: Es ist überall gleich

Ich habe bis vor kurzem immer gedacht, dass das Online-Dating bei den Schwulen ein Ausnahmezustand sei. Hier geht es zu 80% lediglich um Sex – egal ob man einen Partner hat oder Single ist. Offene Beziehungen, in der jeder mal auswärts dippen oder dippen lassen darf. Jedoch weiß ich nun aus sicherer Quelle, dass nicht nur die Schwulen so drauf sind: Meine beste Freundin, hetero, Anfang 30 und seit knapp einem Jahr erstmals nach 15 Jahren Beziehung wieder Single, hat in den letzten Monaten einen regelrechten Kulturschock durchlebt. Jetzt lernt sie diese Welt der ungefragten Penisbilder, plumpen Anmachsprüche und der schnellen Bereitschaft für unkomplizierten Sex am eigenen Leib kennen: Willkommen im digitalen Zeitalter der Dating-Apps, wo du die schnelle Nummer an jeder Ecke finden kannst, aber keinen vernünftigen Partner fürs Leben!

Wenn man 15 Jahre lang Hühnchen gegessen hat, will man schließlich auch mal ein Steak. Da ist Nachholbedarf ja vorprogrammiert. Allerdings muss man sich beim Online-Dating auch mal auf die ein oder andere vegetarische Phase gefasst machen. Aber dann irgendwann entdeckt man wieder ein schmackhaftes Sonderangebot. Man erkennt, dass es oftmals an der Qualität mangelt, nicht an der Quantität. Manche Apps sind halt mehr Discounter, manche dann doch schon eher Highend.

Geduld ist eine Tugend … auch beim Online-Dating

Genau wie Online-Shopping kann auch Online-Dating vieles leichter im Leben machen – es ersetzt aber nicht die gute, alte Schule aus der Generation meiner Eltern oder Großeltern, wo man sich „im wahren Leben begegnet ist“. Liebe auf den ersten Blick statt Liebe auf den ersten Klick halt. Es gehört auch immer ein großes Maß an Geduld dazu und natürlich auch Glück. Vielleicht sollte man auch seine eigenen Erwartungen etwas herunterschrauben und nicht zu viel von Tinder & Co. erhoffen – aber auch nicht völlig herabstufen. Schließlich kann sich auch der vermeintliche Traumpartner, den man im „echten Leben“ kennen lernt auf kurz oder lang als totale Niete entpuppen. Wer weiß das schon? Wichtig ist doch letztendlich immer, was man selbst daraus macht …

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