Der Kapitalbedarf und seine stillen Annahmen
Das Ziel wird meist als einzelne Summe formuliert: das Fünfundzwanzigfache der jährlichen Ausgaben. Die Zahl wirkt präzise, lässt sich in einer Minute ausrechnen und strukturiert die gesamte Planung.
Sie ist der Kehrwert einer angenommenen Entnahmerate und übernimmt damit sämtliche Annahmen, die hinter dieser Rate stehen. Diese Annahmen stammen aus einer bestimmten Untersuchung, für einen bestimmten Zeitraum und einen bestimmten Markt.
Wer sie kennt, kann beurteilen, ob sie zur eigenen Situation passen. Wer sie nicht kennt, rechnet mit einer Zahl, deren Geltungsbereich unbekannt ist.
Woher der Faktor kommt
Wer finanziell unabhängig werden möchte, stößt schnell auf diese Formel, selten jedoch auf ihre Herkunft.
Der Faktor ergibt sich rechnerisch aus der unterstellten Entnahmerate. Bei vier Prozent ist er fünfundzwanzig, bei drei Prozent gut dreiunddreißig. Die scheinbar kleine Änderung der Rate verändert das Ziel also erheblich.
Vier Größen bestimmen, welcher Faktor angemessen ist:
- Die Länge des Entnahmezeitraums;
- Die Zusammensetzung des Portfolios;
- Die Behandlung von Steuern und laufenden Kosten;
- Die Frage, ob das Kapital erhalten bleiben oder verzehrt werden soll.
Der vierte Punkt ist der am häufigsten missverstandene.
Was die Studie tatsächlich untersucht hat
Die Herkunft der Regel ist gut dokumentiert und ihr Untersuchungsgegenstand enger, als die verbreitete Anwendung nahelegt.
Eine Einordnung dazu hält fest, dass die Regel auf eine amerikanische Untersuchung zurückgeht und dass die Regel eine fixe Entnahme unabhängig von der Marktlage vorsieht, sodass ein Börsencrash zu Beginn der Entnahmephase das Vermögen frühzeitig aufzehren kann, weshalb auch für unerwartete Ausgaben, etwa für Pflege, ein Kapitalpuffer eingeplant werden sollte.
Dieselbe Quelle nennt Alternativen, die das mildern: dynamische Entnahmestrategien, eine Aufteilung des Vermögens in Töpfe mit unterschiedlichem Zeithorizont sowie ergänzende Einkommensquellen.
Kapitalverzehr statt Kapitalerhalt
Ein weit verbreitetes Missverständnis betrifft das Ergebnis der Rechnung. Die Regel wurde entwickelt, um zu bestimmen, wie lange ein Vermögen reicht, nicht um es dauerhaft zu erhalten.
Am Ende des untersuchten Zeitraums kann das Kapital weitgehend aufgebraucht sein. Für eine Planung, die den Erhalt des Vermögens voraussetzt, ist der Faktor daher zu niedrig angesetzt.
Hinzu kommt der untersuchte Zeitraum von rund dreißig Jahren. Wer mit vierzig aufhört zu arbeiten, plant für einen erheblich längeren Horizont.
Der Unterschied ist nicht proportional. Eine Verlängerung des Zeitraums um die Hälfte erfordert nicht die Hälfte mehr Kapital, weil die Wahrscheinlichkeit steigt, dass innerhalb der Entnahmephase mindestens eine ungünstige Marktphase auftritt.
Die Annahme konstanter Ausgaben
Eine zweite Annahme steckt im Ausgangswert selbst und wird noch seltener geprüft.
Eine Analyse dieses Punktes argumentiert, dass die lange Entnahmephase nicht nur eine deutlich unterhalb der bekannten Regel liegende Entnahmerate erlaubt, sondern dass ein weiterer Abschlag aufgrund der zu erwartenden Lifestyle-Inflation hinzukommt, die insbesondere in jungen Jahren gerne unterschätzt wird, da sich viele Bedürfnisse und Ansprüche mit zunehmendem Alter auf eine Weise entwickeln, die man sich als junger Mensch nur schwer vorstellen kann.
Die Formel unterstellt, dass die heutigen Ausgaben über Jahrzehnte real konstant bleiben. Tatsächlich verändern sich Lebensumstände, und die Veränderung verläuft selten nach unten.
Der Altersfaktor
Dieselbe Quelle kommt zu dem Schluss, dass die individuell tragfähige Entnahmerate und das daraus folgende Vermögen im Wesentlichen vom Alter der planenden Person abhängen.
Damit gibt es keinen allgemein gültigen Faktor. Für jemanden mit sechzig ist eine andere Zahl angemessen als für jemanden mit vierzig, und der Unterschied beträgt nicht wenige Prozentpunkte.
Was in der deutschen Rechnung fehlt
Zu den methodischen Punkten treten Positionen, die in der ursprünglichen Untersuchung keine Rolle spielten:
- Die Besteuerung der Kapitalerträge bei Realisierung;
- Die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, die sich nach den Einkünften richten;
- Die laufenden Produktkosten des Portfolios;
- Die Phase vor dem frühestmöglichen Rentenbezug, in der keine weitere Einkunftsquelle existiert;
- Die Tatsache, dass die gesetzliche Rente später einen Teil des Bedarfs übernimmt.
Die ersten drei Punkte erhöhen den erforderlichen Betrag, der fünfte senkt ihn. Eine Rechnung, die alle fünf berücksichtigt, unterscheidet sich deutlich von einer einfachen Multiplikation.
Wie sich die Zahl belastbarer machen lässt
Die Formel ist als Ausgangspunkt brauchbar und lässt sich schrittweise präzisieren:
- Die tatsächlichen Jahresausgaben über zwölf Monate erfassen statt schätzen;
- Steuern, Versicherungsbeiträge und Produktkosten als eigene Positionen ergänzen;
- Den Zeitraum in die Phase vor und nach dem Rentenbezug aufteilen;
- Mit mehreren Entnahmeraten rechnen, um die Bandbreite zu sehen;
- Einen Puffer für nicht planbare Ausgaben vorsehen;
- Die Rechnung regelmäßig aktualisieren.
Der vierte Punkt liefert den größten Erkenntnisgewinn bei geringem Aufwand. Die Differenz zwischen drei und vier Prozent macht sichtbar, wie empfindlich das Ziel auf eine einzige Annahme reagiert.
Was die Faustformel leistet
Die Kritik richtet sich nicht gegen die Regel, sondern gegen ihre unkommentierte Anwendung.
Als grobe Orientierung erfüllt sie ihren Zweck. Sie liefert schnell eine Größenordnung, macht den Zusammenhang zwischen Ausgabenhöhe und Kapitalbedarf greifbar und zeigt, dass eine Reduzierung der Ausgaben mit dem Faktor der Entnahmerate auf das Ziel wirkt.
Als Grundlage für eine Entscheidung mit jahrzehntelanger Wirkung braucht sie dagegen die Ergänzungen, die sie selbst nicht enthält.