Letzte Woche war der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland zu Besuch. Angesichts der massiven Spannungen zwischen der Türkei und Europa im Allgemeinen sowie Deutschland im Speziellen war es wenig überraschend, dass dieser Staatsbesuch viel Kritik auf sich zog. Gründe, warum man einen Empfang mit allen Ehren für falsch halten kann, gibt es mehr als genug …

Immerhin haben die Gastgeber die Gelegenheit genutzt, deutliche Kritik zu äußern: Sowohl Bundeskanzlerin Merkel als auch Bundespräsident Steinmeier brachten insbesondere die massiven Defizite hinsichtlich der Pressefreiheit in der Türkei zur Sprache — und provozierten dadurch ebenso deutliche Statments von Erdogan. Eine besondere Rolle bei dem Empfang des Staatsgastes kam dem Grünen-Politiker Cem Özdemir zu: Er gilt ist einer der schärfsten Kritiker von Erdogan in der deutschen Politik und wird von türkischer Seite entsprechend misstrauisch beäugt. Er nutzte die Gelegenheit der persönlichen Begrüßung, um nach dem Händedruck einige deutliche Worte an den türkischen Präsidenten zu richten — die dieser regungslos hinnahmen.

Erdogan in Deutschland — kein Besuch bei Freunden

Im Nachhinein verriet Özdemir in einem Interview mit der Bild, dass er eigens für diesen Tag zwei Personenschützer bekommen hatte: „Das muss man sich mal vorstellen: Ein ausländischer Staatsgast kommt und ein deutscher Politiker braucht beim Bundespräsidenten Schutz. Man merkte auch, dass mich Erdogans Sicherheitsleute besonders im Auge hatten. Aus deren Sicht bin ich ja ein Terrorist, wie Can Dündar und andere Kritiker.”

Für Aufsehen sorgte auch sein Besuch in Köln am Tag nach dem Treffen mit der Bundesregierung: In der NRW-Hauptstadt eröffnete er eine Moschee — für Aufsehen sorgte vor allem, dass türkische Sicherheitsleute eigenmächtig eine Straße absperrten, um Gegendemonstranten abzudrängen und diese teilweise auch bedrängten. Das Spiel zog sich eine Weile hin, bis die Polizei einschritt und die Regie übernahm.

Überraschend und neu ist das alles nicht — die Türkei unter Erdogan entwickelt sich schon seit Jahren weg von demokratischen Grundsätzen, der Achtung Menschenrechte und Grundrechten wie Meinungs- und Pressefreiheit. Er selbst sieht aber eher sein Land als Verfechter dieser Tugenden und prangert bei anderen Ländern mit Vorliebe genau die Missstände an, die in seinem Land umso heftiger zum Tragen kommen. Diese Entwicklung hat sich seit dem Putschversuch 2016 extrem verschärft, war aber auch davor schon ein vieldiskutiertes Thema. Mehr dazu lest ihr jetzt:

9 krasse Beispiele, wie tief die Gräben zwischen Erdogans Türkei und den westlichen Werten sind!

1

Erdogan will das Internet zensieren

Zwei Jahre vor dem Putschversuch spricht er öffentlich und unverblümt davon, Dienste wie Facebook oder Youtube zu verbieten. Der mutmaßliche Grund macht es wahrlich nicht besser.

2

Erdogan droht der EU mit Flüchtlingen

Er droht Europa an, das Flüchtlingsabkommen zu kündigen, wenn gewisse Dinge nicht so laufen, wie er es sich vorstellt. Die Worte, die er dafür wählt, sind verstörend drastisch.

3

Erdogan plädiert für die Todesstrafe

Als Folge des Putschversuchs spricht er sich offensiv für die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei aus. Die EU stellt klar, dass dies das sofortige Ende der Beitrittsverhandlungen bedeuten würde.

4

Vize-Regierungschef will Frauen das Lachen verbieten

Was hier von Bülent Arnic öffentlich gesagt wurde, klingt nach einem Witz, offenbarte aber das schwer bedenkliche Frauenbild von Erdogans Stellvertreter.

5

Für Erdogan sind Frauen und Männer nicht gleich

Wenig überraschend, dass auch der Boss selbst mit der Gleichberechtigung so seine Probleme zu haben scheint. Sein Rollenbild der Frau ist jedenfalls klar: Jede türkische Frau solle drei Kinder bekommen. Eine Ausnahme macht er für die Türkinnen, die in einem EU-Land leben: Ihnen empfiehlt er fünf statt drei Kinder! Dies sei die beste Antwort auf die Ungerechtigkeiten aus Europa …

6

Erdogan zieht Nazi-Vergleiche

Das Gefühl, von Europa ungerecht behandelt zu werden, sitzt bei ihm so tief, dass sich die Niederlande, die EU insgesamt und insbesondere Deutschland abstruse Vergleiche zur Nazizeit anhören müssen. Hintergrund: Deutschland hatte es türkischen Politikern nicht erlaubt, in Deutschland Wahlkampfauftritte für das Referendum zu einer Verfassungsänderung abzuhalten.

7

Erdogan redet von einem kleinen Kind in Uniform als Märtyrerin

Dass das kleine Mädchen mit der Situation sichtlich überfordert war und sich unwohl fühlte, war ihm deutlich anzumerken. Das, was Erdogan dazu zu sagen hatte, machte es nicht besser und sorgte für internationale Empörung.

8

Erdogan will deutsche Satire-Sendung absetzen lassen

Das Gebahren des türkischen Präsidenten ist eine willkommene Zielscheibe für Satiriker. Die Kollegen des NDR-Formats Extra 3 widmeten sich dem Thema mit einem Lied — das Erdogan auf die Palme und dazu brachte, Zensur für deutsche Medien zu fordern. Ehrensache, dass der Song danach erst so richtig bekannt geworden ist.

9

Erdogan verklagt Böhmermann

Die Posse um den Extra 3‑Song war der Ausgansgpunkt für Jan Böhmermann, in seiner eigenen Satiresendung noch einen draufzusetzen — in Forms eines Gedichts, dass zugegebenermaßen nicht viel mit der greifbaren politischen Kritik des Liedes gemein hatte. Aber auch hier gilt: Hätte Erdogan nichts gesagt, hätte außer den Böhmermann-Zuschauern kaum jemand Notiz davon genommen.

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