Sonntagsdepression: „Hilfe, morgen ist wieder Montag!“

© Unsplash / Adi Goldstein
Sascha Falkner
17.02.2019

Sonntag heißt für viele ausschlafen, Frühstück im Bett, sich von einem feucht-fröhlichen Samstagabend erholen und die Couch nur zu verlassen, um dem Lieferdienst die Tür zu öffnen. Klingt doch perfekt, oder? Der entspannte Ausgleich zur oftmals hektischen Arbeitswoche. Wäre da nicht diese bedrückende Stimmung, die sich bei vielen plötzlich breit macht: Je später der Sonntag, desto bewusster wird einem die traurige Gewissheit, dass das Wochenende vorbei ist. Der Alltag klopft wieder an der Tür und mit ihm die sogenannte „Sonntagsdepression“.

Zugegeben, ich gehöre auch zu den Menschen (und ich kenne einige davon), die gelegentlich am Sonntag Trübsal blasen. Damit will ich nicht sagen, dass ich meinen Job und wöchentlichen Alltag hasse. Im Gegenteil: Ich mag eine gesunde Portion Stress und im Beruf voll ausgelastet zu sein. Am Wochenende kann ich dann all das machen, wofür mir montags bis freitags die Zeit (oder Motivation) fehlt: Von Sport und ausgiebig frühstücken bis hin zum Friseurtermin, Hausputz, Einkäufe, Freunde treffen oder etwas kochen, das mehr als zehn Minuten Aufwand benötigt. Eine harmonische Kombination aus Ich-Zeit und privaten Verpflichtungen, die in einer Welt fernab vom Büro stattfindet.

Bloß nicht vom Sofa weg

Während ich am Samstag noch voller Tatendrang meinen persönlichen Interessen nachgehe, sträube ich mich am Sonntag dann häufig gegen alles und will einfach nur mit meinem Freund Netflix auf der Couch gammeln. Bloß nicht vom Sofa weg oder gar vor die Tür und unter Menschen. Dann ist doch der ganze Tag schon wieder verplant und so schnell vorbei. Ich muss doch auch mal entspannen. Der letzte Ausweg ist dann schlicht und einfach unproduktives Vegetieren. So wirklich zufrieden ist man mit diesem sinnlosen Nichtstun dann auch nicht, aber irgendetwas hält einen davon ab, es zu ändern. Der innere Schweinehund? Faulheit? Eines von beiden siegt meistens sowieso. Und ehe man sich versieht, ist das Wochenende vorbei und für die nächsten fünf Tage heißt es dann wieder: Willkommen im Alltagstrott!

 

Das wird einem halt besonders am Sonntagabend bewusst: „Hilfe, morgen ist wieder Montag!“ sagt diese Stimme im Kopf und je dunkler es draußen wird, umso klarer wird der Anfang vom Ende. Da sollte man eigentlich seine Ruhezeit genießen und dann geht die Kopfkirmes los: Um sechs Uhr klingelt der Wecker, was steht auf der Arbeit an, krieg ich das alles hin, den Arzttermin nicht vergessen etc. Es ist wie das prompte Ende eines Kurzurlaubs, als müsse man sich plötzlich von Nizza wieder an Köln-Porz umgewöhnen. Da kann man durchaus schon mal etwas feuchte Augen kriegen.

Was ist die Sonntagsdepression?

Die Bezeichnung „Depression“ ist hier vielleicht ein wenig übertrieben. Es handelt sich natürlich nicht um eine psychische Gesundheitsstörung, sondern lediglich um einen Gemütszustand, der auch schnell verfliegt. Ist der böse Montag vorbei, hat sich der normale Rhythmus wieder eingespielt. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.

Die Sonntagsdepression, auch als Sunday Night Blues oder Sonntagsneurose bekannt, ist vor allem bei Menschen mit hohem Bildungsgrad weit verbreitet. Wieso? Weil entsprechende berufliche Tätigkeiten viel Denkarbeit erfordern – Nichtstun wird dann zur Überforderung und führt somit zum Grübeln. Dann kommen Unsicherheiten hoch und man beginnt plötzlich über den Sinn von allem zu philosophieren.

Einfach mal den Kopf ausschalten

Gerade in der heutigen Zeit, in der uns unsere Jobs viel mehr abverlangen und man quasi wie eine perfekt programmierte Maschine funktionieren und abliefern muss, kann Erholung schnell mal zum Stressfaktor werden. Da prallen dann diese zwei Welten – Freizeit und Berufsalltag – plötzlich zusammen. Emotional gesehen ist das nichts Halbes und nichts Ganzes: Wir machen uns selbst Druck, Unsicherheiten kommen hoch und wir tun uns schwer mit dem Wechsel vom Freizeit- in den Arbeitsmodus. Die Zeit, in der wir mehr als acht Stunden pro Tag das tun können, was wir möchten, ist zu Ende. Ab morgen sind wir wieder eingeschränkt und müssen funktionieren. Das deprimiert den ein oder anderen.

Letzten Endes ist das Sonntagstief wie Heim- oder Fernweh: Eine Gefühlslage, die einfach kommt, wenn sich bestimmte Umstände ändern, aber genauso schnell wieder verschwindet. Dennoch vermiest es uns den Ausklang des Wochenendes – weil wir zu kopflastig sind und die Gedanken nicht mal wie unser Handy einfach ausschalten können. Aber vielleicht sollte man genau das ändern und einfach denken: Schön war’s mit dir, Sonntag, bis nächste Woche!

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