Wären meine Schwester und ich nicht miteinander befreundet, wenn wir keine Schwestern wären?

Freundschaft zwischen Geschwistern
© Unsplash/Becca Tapert
Charlotte Hansen
26.03.2019

Mit Geschwistern versteht man sich mal besser, mal schlechter, bleibt – wenn es gut läuft – in Kontakt, der Verwandtschaft wegen. Ich habe mich an einen Versuch der Definition von Freundschaft zwischen Geschwistern gewagt – aus meiner Perspektive als Schwester.

„Wenn wir nicht miteinander verwandt wären, wären wir nicht befreundet,“ das sagte einmal meine Schwester zu mir. Dieser offene und direkte Satz traf mich. Mit so etwas rechnet man eigentlich auch nicht. Sie hatte es auch nicht im Streit gesagt. Es war einfach eine Feststellung – und sie war richtig.

Ist die Freundschaft zwischen Geschwistern selbstverständlich?

Als Freunde sucht man sich die Menschen, die ähnlich ticken, wie man selbst. Die dieselben Hobbys teilen und die gleichen Bücher lesen. Bei meiner kleinen, großen Schwester und mir trifft das eher nicht zu. Da trifft Ehrgeiz auf Wankelmut, Geduld auf Ungeduld und Gelassenheit auf Anstrengung. Eine Kombination, die in Kindertagen oft zu Streit führte. „Später werdet ihr einmal froh sein, nur zwei Jahre auseinander zu sein“, sagte meine Mutter damals immer.

Wirklich glauben konnte ich das nicht. Ich konnte damals keine Basis erkennen, auf der wir hätten aufbauen können. Und klar, nur, weil Personen zusammen aufwachsen, heißt das noch lange nicht, dass man sich gut versteht.

Freundschaft zwischen Geschiwstern

Foto: Unsplash/Daiga Ellaby

Freundschaft zwischen Schwestern liegt nicht in den Genen

So schien der Satz meiner Schwester nur folgerichtig. Ihn zu hören, brachte mich dennoch aus der Fassung. Im Umkehrschluss müsste das heißen: Wären wir nicht verwandt, würde meine Schwester nicht mit mir sprechen wollen. Und dieser Gedanke hat mich unglaublich traurig gemacht. Ich hatte angenommen, dass sie mich durch unsere Blutbande gezwungenerweise mag.

Vor zehn Jahren zogen wir beide aus, sie im Sommer, ich im Herbst. Wir sahen uns häufig nur noch an den Wochenenden, telefonierten ab und zu und besuchten uns gegenseitig. Die Sorge, sich ohne das gemeinsame Elternhaus voneinander abzuwenden, bewahrheitete sich nicht.

Der Druck, ohne Streit durch den Tag zu kommen, war plötzlich weg. Wir wussten die gemeinsame Zeit mehr zu schätzen und ich teilte von da an meine Sorgen und Probleme zuerst mit meinen Schwestern, als mit unseren Eltern.

Warum Verwandtschaft besser ist

Letztlich ist es gut, dass meine Schwester und ich nicht befreundet, sondern miteinander verwandt sind. Streitet man sich mit einer Freundin, kann die Freundschaft daran zerbrechen, die Schwesternschaft nicht.

So mussten wir – und müssen uns auch heute manchmal noch – beide miteinander arrangieren. So habe ich 20 Jahre mit einer Person zusammengelebt, von der ich gelernt habe, geduldiger, nachsichtiger und empathischer zu sein. Sie und meine andere Schwester sind zu meinem Kompass geworden. Zu denen ich als ältere Schwester aufsehen kann, die wissen, warum ich sie nachts um drei anrufe und die wissen, wo sie bohren müssen, um mich zum Weinen zu bringen.

Es ist dieses unsichtbare Band zwischen Schwestern, das uns immer verbindet. Und da macht es nichts, dass wir nicht befreundet sind.

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