Warum es nicht schlimm ist, mit Ende 20 seine Karriere hintenanzustellen

Karriere mit Ende 20
© Unsplash / Brooke Lark
Charlotte Hansen
27.03.2019

Ein Jobangebot stellte mich im vergangenen Jahr vor die Wahl: gehen oder bleiben. Für meine Kollegen war die Sache klar: gehen, schließlich hast du keine Familie. Ein unzureichendes Argument, wie ich finde.

Die goldenen 20er. Eine wunderbare Zeit. Gerade von den Eltern abgenabelt, noch nicht in der Familienplanung, das ganze Leben vor sich. Das erste Mal, dass man wirklich das tun und lassen kann, was man möchte. Unabhängig von Semesterferien oder Finanzspritzen von Daddy.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass es ausschließlich um mich geht. Ich frühstücke im Bett, ohne dass es jemanden stört, ich fahre in den Urlaub, wann mir es passt (und zwar nicht während der Semesterferien) und suche mir den Job, der mir gefällt, nicht meinem Lebenslauf. Es ist schließlich mein Leben.

Gehen oder bleiben?

Wieso nur sehen die Menschen um mich herum das nicht so? Ein internes Jobangebot und die Entscheidung: umziehen oder bleiben? Die ersten Pro-und Kontraargumente fluten eine imaginäre Liste: ein beruflicher Perspektivwechsel samt komplettem Neuanfang kontra Freunde und eine großartige Stadt.

Die Seite gegen den Neuanfang und für mein Leben, wie ich es gerade führe, scheint deutlich heller. Damit bleibt es nicht. Tief in mir drin ist diese leise Stimme: „Eigentlich willst du hier nicht weg …“

Kollegen glauben zu wissen, was ich mit Ende 20 in Sachen Karriere möchte

Doch die Stimmen der Kollegen schreien dagegen an: „Nimm doch den Job“, „Das ist eine tolle Chance für dich“, heißt es da. Und ein Satz fällt bei jedem: „Du hast doch keine Familie“.

Äh, ja und? Soll das etwas ein Argument sein? Ja, es stimmt. Ich habe keine eigene Familie. Ist das ein Grund, alles stehen und liegen zu lassen? Das scheint mir doch ein reichlich schwaches Argument zu sein.

Karriere mit Ende 20

Foto: Unsplash/Toa Heftiba

Ende 20 und kein Kind – ja und?

Nur, weil ich mein Kind nicht um 17 Uhr von der Kita abholen muss oder einen Kindergeburtstag plane, heißt das nicht, dass ich mein Leben voller Freiheiten mit Freunden und Hobbys für einen Job einfach aufgebe.

Mir scheint, die Kollegen, definieren junge Kollegen nur darüber, ob diese Person eine Familie hat oder nicht. Bin ich letztlich also verpflichtet den Job zu nehmen, weil ich mich nur um mich kümmern muss? Bin ich allein etwa zu wenig Argument?

Ich habe lange gebraucht, um an diesem Punkt in meinem Leben zu stehen und das soll nun auch so bleiben. Genau an diesem Ort – genauso, wie ich mich gerade fühle: glücklich und zufrieden. Die Reaktion meiner Mitmenschen war darauf meist dieselbe: Unverständnis. Aber ich bin es leid, mich zu rechtfertigen. Es ist schließlich mein Leben. Und darin habe ich die Hauptrolle zu spielen. Ich identifiziere mich mit meinem Beruf und ich finde ihn toll. Im Leben geht es nicht immer nur um höher, schneller, weiter.

Ende 20 – die Karriere muss warten

Für mich zählt im Leben nicht nur die Karriere. Ich werde wahrscheinlich arbeiten bis ich 70 bin. Was macht es da, dass ich mit Mitte 20 meinen Fokus auf mich richte und nicht gen Job schaue?

Ich komme auch ans Ziel. Vielleicht langsamer, dafür glücklich und ausgeruht.

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