Warum The Witcher nicht das „neue“ Game of Thrones ist [Kommentar]

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Sascha Falkner
12.08.2019

Game of Thrones hat acht Jahre lang die Herzen der Fantasy-Fans weltweit höher schlagen lassen. 73 Folgen voller epischer Schlachten, Gut vs. Böse, Blut, Sex, Titten, Drachen, unzählige WTF-Momente, jeder Menge Intrigen und Westeros-Drama. Aber irgendwann hat alles mal ein Ende – auch GoT. Doch der Fantasy-Fan soll nicht traurig sein, denn Netflix sorgt mit seiner Original Series The Witcher bereits für Nachschub. Und noch vor ihrer Erstausstrahlung wird die Serie bereits von vielen als GoT-Nachfolger bezeichnet … 

Am 19. Mai diesen Jahres war es soweit: Der Winter war da – und mit ihm die 73. und allerletze Folge von HBOs Fantasy-Erfolgsserie Game of Thrones. Das Ende der Serie brachte nicht nur Schwermut bei den Fans mit sich, sondern auch gemischte Gefühle hinsichtlich der Story. Aber gut, man kann es halt auch nicht jedem recht machen. Seit 2011 hat die Serie, die auf der Roman-Reihe A Song of Ice and Fire (Das Lied von Eis und Feuer) von George R. R. Martin basiert, Millionen von Menschen weltweit in ihren Bann gezogen und selbst einstige Fantasy-Muffel zu Fantasy-Fans gemacht. Das Ende der Serie ist daher ein trauriges Ereignis, wenn man die Geschichte der unzähligen Figuren darin über Jahre hinweg verfolgt hat. 

Netflix sorgt mit The Witcher für Fantasy-Nachschub

Nach dem Aus von GoT stehen viele Fantasy-Fans nun da und stellen sich die Frage: Was machen wir nun? Netflix verspricht Linderung und sorgt mit seiner Original Series The Witcher nun für Nachschub. Ende diesen Jahres – also recht bald – soll die achtteilige Fantasy-Serie mit Superman-Star Henry Cavill in der Titelrolle zum Streaming verfügbar sein. Um uns den Mund wässrig zu machen, hat Netflix kürzlich den ersten offiziellen Teaser-Trailer zur Serie veröffentlicht …

The Witcher ist noch nicht einmal gestartet und schon wird die Serie als das „neue Game of Thrones“ oder als „Nachfolger von Game of Thrones“ gebrandmarkt. Und dieser Hype nervt mich persönlich jetzt schon – und tut auch einer vielversprechenden Serie wie The Witcher nicht gut! Warum? Weil es unglaublich schwierig bis unmöglich ist, an eine Serie des Kalibers von GoT anzuknüpfen. Diese Serie war ein Ausnahmephänomen und in Sachen Erfolg fast schon nicht mehr zu toppen. Was nicht heißen soll, dass es nach Thrones keine Mega-Erfolgsserien mehr geben wird. Ganz im Gegenteil: Ich hoffe sogar, dass weitere solcher Serie kommen werden – aber definitiv nicht als ein lediglicher Verschnitt!

Erst Buch, dann Videospiel und nun Serie

Vor allem storymäßig kann und darf man Thrones und The Witcher nicht miteinander vergleichen – weil es zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind! The Witcher (deutsch: Der Hexer) ist – wie auch GoT – ursprünglich eine sehr erfolgreiche Fantasy-Roman-Serie des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, die von 1993 bis 2013 erschienen ist. Protagonist der Saga ist der „Hexer“ Geralt von Rivia, der durch die (fiktive) Welt reist und als Auftragsmörder Monster und andere üble Kreaturen killt. Natürlich hat der weißhaarige Assassine übernatürliche Fähigkeiten und eine gewisse magische Immunität gegen Schaden.

Geralts Abenteuer liefern nicht nur jede Menge literarischen Stoff, sondern inspirierte auch die erfolgreiche Videospiel-Serie The Witcher, die auf den Büchern basiert. Zwischen 2007 und 2015 sind insgesamt drei Computer-Rollenspiele veröffentlicht worden, auch für heimische Gaming-Konsolen wie die PlayStation und Xbox – und sie wurden zu von Kritikern hochgelobten Welterfolgen. Auch ich habe The Witcher damals gezockt und gesuchtet, weshalb ich zugeben auch mehr als heiß auf die Netflix-Serie bin. Aber als das neue GoT oder dessen Nachfolger würde ich The Witcher nicht bezeichnen. Gott sei Dank! Denn einfach nur ein weiterer Westeros-Abklatsch (oder zumindest Versuch) würde mich absolut nicht reizen …

Game of Thrones und The Witcher: Zwei verschiedene Paar Schuhe!

Das Fantasy-Genre ist breitgefächert und verfügt innerhalb seines Kanons über diverse Sub-Genres. Sowohl Thrones als auch The Witcher fallen in die Kategorie „High Fantasy“: Das bedeutet, dass die Geschichten in einer parallelen Welt außerhalb unserer realen Welt, sprich Westeros (GoT) und der namenlose Kontinent, der in verschiedene Königreiche aufgeteilt ist (Witcher), stattfinden. Ein weiteres entscheidendes Merkmal von High Fantasy ist der Kampf zwischen Gut und Böse. Auch das sind zentrale Themen in beiden Serien – das war’s aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

GoT ist zwar Fantasy und bietet typische Elemente wie die Drachen, die weißen Wanderer und hier und da auch ein bisschen Zauberei. Aber im Gegensatz zu anderen High-Fantasy-Vertretern wie etwa Tolkiens Der Herr der Ringe, sind diese Elemente hier sehr gemäßigt. Vielmehr verfügt Thrones über ein großes Maß an mittelalterlichem Realismus und konzentriert sich auf die verschiedenen großen Häuser der sieben Königreiche von Westeros, politische Intrigen sowie die vielen Charaktere und deren Geschichten und Entwicklungen. Somit wirkt GoT als Fantasy-Serie mehr wie ein fiktives Historien-Epos.

The Witcher hingegen bedient sich dann deutlich mehr an den klassischen Fantasy-Elementen des Übernatürlichen: Monströse Kreaturen, Sagengestalten und vor allem Magie spielen hier eine zentrale Rolle. Anstatt auf eine Vielzahl an Haupt- und Nebenfiguren wie in Thrones, wo man schnell mal den Überblick verliert, konzentriert sich The Witcher auf einen einzelnen Protagonisten, Geralt von Rivia. Es geht um seine Geschichte, Entwicklung und seine Beziehung zu den Nebenfiguren, zu denen sowohl Verbündete als auch Widersacher zählen.

Machen wir den Weg für Neues frei … ohne ewig Maßstäbe zu setzen!

Eines ist klar: Martin und Sapkowski haben mit GoT und The Witcher zwei unterschiedliche Welten mit verschiedenen Figuren und Geschichten geschaffen. Beide Storys setzen ihre eigenen Schwerpunkte – und das werden auch die Macher der Witcher-Netflix-Serie berücksichtigt haben. Um die Unterschiede der beiden Serien zu sehen, muss man nur mit ihrem Inhalt ein wenig vertraut sein – und sich eventuell mit dem Fantasy-Genre und seinen Untergattungen ein wenig auskennen. Und überhapt: Wieso wollen wir einen Nachfolger von GoT? Behalten wir es doch so in Erinnerung und Ehren, wie es war: Eine fantastische TV- und Buch-Serie, die vielen von uns Freude, Spannung und jede Menge Unterhaltung gegeben hat. Machen wir nun doch einfach den Weg für etwas Anderes frei.

„Nachfolger“ klingt wie ein Imitat von GoT – und das wäre The Witcher gegenüber absolut nicht fair! Es handelt sich nicht um einen Abklatsch oder etwas, das an den Erfolg von Thrones anzuknüpfen versucht. Es ist eine völlig andere, unabhängige Geschichte, die einfach aus dem gleichen Genre stammt. Also sollten wir The Witcher offen, erwartungsvoll und mit unvoreingenommenem Enthusiasmus gegenüber stehen. Schließlich wollen wir doch alle frischen Wind in unserer Serien-Unterhaltung und uns auf etwas Neues einlassen – ohne ständig Westeros und seine Figuren als Maßstab und Vergleich zu nehmen. Der Winter ist bereits gekommen und jetzt wird es Zeit für den Frühling und seine neuen Sprösslinge …

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